Geschäftsentwicklung

@SMS group

Auch 2019 kamen wieder über vier Fünftel der Gesamtbestellungen aus dem Ausland Allerdings sank das absolute Auftragsniveau leicht von 14,8 Mrd. € (2018) auf 14,7 Mrd. € (2019).

Die von den Mitgliedern der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2019 in Deutschland verbuchten Auftragseingänge lagen mit 18,3 Mrd. € stabil auf Vorjahresniveau. Damit konnten sich die Unternehmen in einem schwierigen Marktumfeld, das von starkem Preis- und Wettbewerbsdruck sowie vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten geprägt ist, weiterhin gut behaupten und in einigen Bereichen sogar Marktanteile hinzugewinnen.

Zuwächsen im Inland standen moderate Einbußen im Export gegenüber. Im Auslandsgeschäft erwies sich vor allem die Nachfrage aus den Industrieländern, China und Südostasien als sehr robust, wohingegen die Bestellungen aus dem Mittleren Osten und aus Osteuropa spürbar zurückgingen. Bemerkenswert war ferner, dass die Mitglieder der AGAB deutlich mehr Großaufträge meldeten als noch 2018. Beispiele für solche Projekte sind etwa der Bau einer Düngemittelanlage in Ägypten, die Lieferung von Kernkomponenten für ein Pumpspeicherkraftwerk in Australien sowie die Errichtung eines Gas- und Dampfturbinenkraftwerks (GuD-Kraftwerk) in Brasilien.

Der Branchenumsatz lag 2019 bei 16,3 Mrd. € (2018: 18,7 Mrd. €). In dieser Kennzahl spiegeln sich angesichts der Langfristigkeit des Geschäfts überwiegend zurückliegende Aufträge aus vergangenen Jahren wider. Als Indikator zur Beurteilung der aktuellen Marktentwicklung ist der Umsatz im Großanlagenbau insofern ungeeignet und wird im Folgenden nicht berücksichtigt.

 

 

 

 

 

Aufschwung im inländischen Markt für thermische Kraftwerke

Die inländischen Bestellungen sind 2019 um 2 % auf 3,6 Mrd. € (2018: 3,5 Mrd. €) gestiegen. In langfristiger Betrachtung liegt der Auftragseingang damit um 12 % unter dem Durchschnitt der letzten Dekade (2010 bis 2019: 4,0 Mrd. €); im Vergleich zum Rekordjahr 1993 (7,4 Mrd. €) hat sich die Nachfrage sogar mehr als halbiert.

Positiv war die Entwicklung im Markt für Kraftwerke, wo die Auftragseingänge um 83 % auf 1,0 Mrd. € (2018: 547 Mio. €) stiegen und damit erstmals seit 2014 wieder über der Milliarden-Euro-Marke notierten. Großaufträge spielten keine wesentliche Rolle, vielmehr standen mehrere Modernisierungsprojekte sowie Dienstleistungen im Fokus der Kunden. Dass sich dieser Aufschwung im Kraftwerksbau als dauerhaft erweisen könnte, ist angesichts des absehbaren Endes der Kernenergie und der Kohleverstromung in Deutschland eher unwahrscheinlich. In weiteren Kernbranchen war die Nachfrage aus dem Inland hingegen rückläufig. So sanken die Bestellungen im Walzwerksbau (-9 %), im Chemieanlagenbau (-27 %) sowie im Anlagenbau für die Papierindustrie (-32 %) unter das Vorjahresniveau.

Die Bedeutung des Auslandsgeschäfts im Großanlagenbau hat seit der Jahrtausendwende kontinuierlich zugenommen. Auch 2019 kamen wieder über vier Fünftel der Gesamtbestellungen aus dem Ausland (Exportquote: 80,6 %). Allerdings sank das absolute Auftragsniveau leicht von 14,8 Mrd. € (2018) auf 14,7 Mrd. € (2019).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die USA waren 2019 aufgrund mehrerer Großaufträge der wichtigste Auslandsmarkt, die Bestellungen summierten sich auf 1,5 Mrd. € (2018: 914 Mio. €). Ferner wurden Buchungen im Wert von einer Milliarde Euro oder mehr aus Russland, China und Singapur gemeldet. Gleichzeitig stieg die Zahl der für den Großanlagenbau typischen und für die Auslastung der Unternehmen wichtigen Projekte in der Größenordnung von 125 bis 500 Mio. € auf den höchsten Wert seit fünf Jahren. Die AGAB-Mitglieder akquirierten im vergangenen Jahr 16 Vorhaben in dieser Kategorie.

Die Auftragseingänge aus den Industrieländern – darunter versteht dieser Bericht die Staaten Westeuropas und Nordamerikas sowie Australien, Neuseeland, Japan und Südafrika – stiegen im Berichtszeitraum um 22 % auf 5,0 Mrd. € (2018: 4,1 Mrd. €).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Nordamerika akquirierten die Mitglieder der AGAB Aufträge in Höhe von 1,7 Mrd. € (2018: 1,1 Mrd. €). Dabei stiegen die Bestellungen für Hütten- und Walzwerke im US-Markt auf den neuen Rekordwert von 1,0 Mrd. € (2018: 180 Mio. €). Auslöser für diesen Boom waren vor allem höhere Zölle auf Stahl- und Aluminiumimporte, die die US-Administration in den vergangenen Jahren gegen Einfuhren aus China und Europa verhängt hatte. Im geschützten US-Markt können die lokalen Stahlhersteller höhere Gewinne erzielen, die sie zum Teil in den Kapazitätsausbau und die Modernisierung älterer Anlagen investieren. Im Zuge dieser Entwicklung gab es mehrere Großaufträge, etwa für die Lieferung einer der größten Stranggießanlagen der Welt sowie für ein Stahlwerk mit einer Jahresleistung von über 2,7 Mio. Tonnen Stahl.

In Westeuropa verzeichneten die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft aufgrund mehrerer Großprojekte deutlich steigende Aufträge aus Frankreich (333 Mio. €; +254 %), Schweden (425 Mio. €; +133 %) und Italien (199 Mio. €; +30 %).

Außerhalb Europas war die Entwicklung in Australien bemerkenswert. Hier kam es in Folge eines Großauftrags für ein Wasserkraftwerk zu einem Auftragsrekord (426 Mio. €). Ein VDMA-Mitglied liefert für ein Pumpspeicherkraftwerk mit einer Gesamtleistung von 2.000 Megawatt sechs Turbinen und stellt dem australischen Strommarkt damit eine Energiespeicherkapazität von bis zu 175 Stunden zur Verfügung.

Die Bestellungen aus dem asiatisch-pazifischen Raum – nach AGAB-Definition sind das die Länder China, Hongkong, Nord- und Südkorea, die Mongolei, Taiwan sowie die ASEAN-Staaten – erreichten 2019 ein Niveau von 3,7 Mrd. €. Das entspricht einer Steigerung um 68 % im Vergleich zum Vorjahr (2018: 2,2 Mrd. €).

Die Nachfrage nach Großanlagen aus China entwickelte sich 2019 günstig, die Orders stiegen um 8 % auf 1,3 Mrd. € (2018: 1,2 Mrd. €). Dieser Zuwachs war angesichts des relativ schwachen Wirtschaftswachstums sowie rückläufiger Anlageninvestitionen eigentlich nicht zu erwarten und ist ein Beleg für die starke Marktposition des VDMA-Großanlagenbaus in der Volkrepublik. Die Entwicklung unterstreicht überdies, dass die Unternehmen die im aktuellen Marktumfeld von den Kunden besonders gewünschten Angebote – etwa Services sowie Lösungen für mehr Klima- und Umweltschutz – bereitstellen können.
Gemessen am Auftragseingang war Singapur im Berichtszeitraum mit Rekordbestellungen in Höhe von 1,0 Mrd. € der wichtigste Markt in Südostasien. Auslöser hierfür war ein Megaauftrag für Bau und Betrieb eines integrierten Fertigungskomplexes für die Erzeugung von Wasserstoff und Synthesegas. In Südkorea setzte sich der im vergangenen Jahr begonnene Aufwärtstrend mit einer Verdoppelung der Bestellungen auf 411 Mio. € (2018: 192 Mio. €) fort. Gefragt waren in erster Linie Kraftwerke und metallurgische Anlagen.

Osteuropa und die GUS – das sind die osteuropäischen EU-Mitglieder sowie die Länder des Balkans und der ehemaligen Sowjetunion – ver-zeichneten 2019 einen Auftragseingang von 2,4 Mrd. € (2018: 4,3 Mrd. €), was einem Rückgang um 44 % gegenüber dem stark von Großaufträ-gen geprägten Vorjahr entspricht.

Russland ist aufgrund seines Ressourcenreichtums traditionell der Kernmarkt des Großanlagenbaus in der Region und war im Berichts-zeitraum mit Buchungen von 1,4 Mrd. € (2018: 2,4 Mrd. €) das zweitwichtigste Kundenland weltweit. Über 80 % dieses Volumens stammte aus Großprojekten, wobei ein Auftrag für den Bau einer Luftzerlegungsanlage im Wert von über 400 Mio. € herausstach. 

Nach mehreren schwächeren Jahren stiegen die Bestellungen aus Polen im vergangenen Jahr signifikant auf 206 Mio. € (2018: 56 Mio. €) an. Auslöser für diesen Aufschwung war ein Auftrag zum Bau einer Düngemittelfabrik zur Produktion von Salpetersäure und Ammoniumnitrat. Dabei kommt ein von einem VDMA-Großanlagenbauer entwickelte Technologie zum Einsatz, die die Betreiber von Salpetersäureanlagen in die Lage versetzt, das schädliche Treibhausgas Stickstoffoxid zu neutralisieren und damit einen notwendigen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Die Nachfrage nach Großanlagen im Nahen und Mittleren Osten sank im Berichtszeitraum um ein Drittel. Die Bestellungen lagen bei 1,4 Mrd. € 
(2018: 2,1 Mrd. €) – das ist der niedrigste Auftragseingang seit 17 Jahren. Die starke Konkurrenz durch asiatische Anlagenbauer, das in Teilen instabile politische Umfeld und die Abhängigkeit vieler Länder von volatilen Einnahmen aus Rohstoffexporten sind wesentliche Gründe für diesen beträchtlichen Auftragsrückgang.

Das bedeutendste Kundenland in der Region war 2019 der Irak mit Bestellungen in Höhe von 595 Mio. € (2018: 234 Mio. €). Der VDMA-Großanlagenbau ist in die Wiederherstellung und den Ausbau des Energienetzes im Irak involviert und konnte im Zuge der Vergabe einer ersten Tranche dieses Megaprojekts mehrere Aufträge im Kraftwerksbau und in der Energieverteilung verbuchen. 

Rückläufige Bestellungen wurden hingegen aus Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten gemeldet. Nahezu zum Erliegen kamen die Geschäfte mit dem Iran. Aufgrund der weiteren Verschärfung der US-Sanktionen seit 2018 und fehlender Finanzierungsmöglichkeiten wird sich an der schwierigen Situation für den Anlagenbau im Iran kurzfristig voraussichtlich wenig ändern.

In dieser Rubrik sind alle Staaten zusammengefasst, die keiner der vier zuvor genannten Gruppen zuzuordnen sind. Dazu zählen Afrika (ohne Südafrika), Süd- und Mittelamerika, Südasien mit Indien, die Türkei und Ozeanien. Die Bestellungen in dieser Ländergruppe lagen 2019 wie im Vorjahr bei 2,2 Mrd. €.

Die Orders aus Indien schrumpften im Berichtszeitraum auf 290 Mio. € (2018: 390 Mio. €). Die Nachfrage bleibt damit weiterhin deutlich hinter den Spitzenwerten der Jahre 2007 bis 2013 mit Auftragseingängen von durchschnittlich 1,3 Mrd. € zurück.

Auch in anderen Schwellenländern war die Nachfrage rückläufig. So sanken die Bestellungen in wichtigen Märkten wie etwa der Türkei, Argentinien, Mexiko und Nigeria auf mehrjährige Tiefststände. Schwierige politische Rahmenbedingungen sowie Devisenknappheit, Inflation und hohe Verschuldung wirkten sich in diesen Staaten dämpfend auf die Nachfrage nach Großanlagen aus. 

Die Auftragslage in Brasilien hat sich nach meh-reren schwächeren Jahren 2019 verbessert. Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft meldeten Bestellungen in Höhe von 411 Mio. €, 87 % mehr als im Vorjahr (2018: 220 Mio. €). Der Orderzuwachs war wesentlich auf einen Großauftrag für die schlüsselfertige Lieferung eines GuD-Kraftwerks zurückzuführen. Der Auf-trag beinhaltet neben einem Servicevertrag auch den Betrieb und die Wartung der Anlage. Dieser Zuschlag unterstreicht einmal mehr die führende Position des VDMA-Großanlagenbaus als Anbieter von Komplettlösungen über den gesamten Anlagenlebenszyklus hinweg.