VDMA Großanlagenbau: Seit 50 Jahren am Puls der Branche

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Exklusivinterview der Fachzeitschrift STAHL + TECHNIK mit Herrn Jürgen Nowicki, Sprecher der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau sowie Senior Vice President & CFO, Linde Engineering.

Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau akquirierten 2018 einen Auftragseingang von rund 18 Mrd. € und haben einen Weltmarktanteil von ca. 15 %. Sie beschäftigen in Deutschland 54.000 hochqualifizierte Mitarbeiter sowie weitere 100.000 an internationlane Standorten und üben mit einer Zulieferquote  von rund 75 % einen beträchtlichen Mitnahmeeffekt auf den mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau aus.

Die VDMA Großanlagenbauer pflegen Kontakte zu Kunden in nahezu allen Ländern der Welt und  lieferten in den letzten Jahren vier Fünftel ihrer Erzeugnisse ins Ausland. Mit der Erschließung neuer und der Pflege entwickelter Märkte leistet die Branche einen erheblichen Beitrag zur Anbahnung und Erhaltung deutscher Wirtschaftsbeziehungen ins Ausland. Neben der weltweiten Präsenz zählen Technologieführerschaft und Innovationskraft sowie die Fähigkeit zur Entwicklung und Realisierung kundenspezifischer Gesamtlösungen zu den Tragpfeilern der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Im Folgenden lesen Sie das Exklusivinterview mit Jürgen Nowicki über die Anfänge der Arbeitsgemeinschaft vor 50 Jahren und deren Entwicklung zu dem bedeutendsten Netzwerk der Branche bis heute.

Stahl + Technik: Herr Nowicki, die Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau besteht 2019 seit nunmehr 50 Jahren. Können Sie unseren Lesern die Motive des VDMA zur Gründung dieser Vereinigung im Jahr 1969 erläutern?

Nowicki: Die deutsche Wirtschaft drohte Ende der 1960er-Jahre zu überhitzen. Die Regierung stand – ähnlich wie heute – unter starkem Druck wichtiger Handelspartner, ihren Exportüberschuss zu reduzieren. Daher peitschten der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller gemeinsam mit Finanzminister Franz-Josef Strauß eine völlig neue Exportsteuer durch das Bonner Kabinett. Diese sollte 4 Prozent für alle Ausfuhren betragen und den deutschen Exportüberschuss signifikant vermindern. Die Minister übersahen dabei, dass die deutsche Industrie, darunter die Unternehmen des Anlagenbaus, Exportaufträgen in Höhe von rund 30 Milliarden DM in den Büchern hatte, die von der Steuer rückwirkend betroffen gewesen wären.

Viele Branchen protestierten damals lautstark gegen dieses Vorhaben. Dem industriellen Anlagenbau, der über seine langen Projektabwicklungszeiten besonders stark unter den neuen Regelungen gelitten hätte, fehlte jedoch ein Sprachrohr. Den Begriff „Großanlagenbau“ gab es noch nicht, und damit mangelte es an einer branchenspezifischen Interessenvertretung. Deshalb gründete der VDMA 1969 unter Führung von Bernhard Weiss, Siemag (heute SMS Group), die Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) im VDMA. Kurz darauf erkannten die Verantwortlichen die Bedeutung des aufkommenden Systemgeschäfts und richteten den Gesamtverband perspektivisch auf neue Anforderungen aus. Der bisherige „Verein Deutscher Maschinenbau-Anstalten“ wurde zum „Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau“.

STAHL + TECHNIK: In den Anfangsjahren ging es vor allem darum, das Profil des Großanlagenbaus gegenüber einer qualifizierten Öffentlichkeit zu schärfen und die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche herauszuarbeiten. Wie ging die AGAB dabei vor?

Nowicki: Zunächst einmal mussten wir den Kreis der für eine Mitgliedschaft in der AGAB in Frage kommenden Unternehmen unter Berücksichtigung der verbandlichen Gegebenheiten sinnvoll begrenzen.

Die dafür entscheidenden Parameter haben sich bis heute bewährt. Weiter erwies sich als erforderlich, möglichst schnell eine aussagefähige Statistik zu Auftragseingängen und Umsätzen aufzubauen, um unseren Forderungen eine sachgerechte statistische Grundlage zu geben. Die amtlichen Zahlen waren dafür unzureichend. Auf Basis eigener Erhebungen erschien bereits 1972 der erste Lagebericht, der bis heute die Grundlage für die Kommunikation mit Politikern, Investoren, Analysten, Behörden und Hochschulen bildet. 2021 wird die AGAB den fünfzigsten Lagebericht vorlegen; die kommende Ausgabe veröffentlichen wir am 1. April 2020.

Das ursprüngliche Ziel, durch aussagefähige Statistiken die enorme Bedeutung des Großanlagenbaus für die deutsche Wirtschaft hervorzuheben und den Begriff Großanlagenbau zu etablieren, war somit spätesten in den 1980er-Jahren erreicht – auch dank einer fachspezifischen Öffentlichkeitsarbeit.

Dass Großanlagenprojekte überdies erhebliche Beschäftigungseffekte induzieren, konnte mit Hilfe ökonometrischer Modelle belegt werden. Die Grundlage hierfür lieferte 1978 eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu den Auswirkungen internationaler Anlagenbauprojekte auf Produktion und Beschäftigung in Deutschland. Demnach üben die Mitglieder der AGAB einen beträchtlichen Mitnahmeeffekt auf den mittelständischen Maschinen- und Anlagenbau aus. Von den Projekten hängen, auf heutige Verhältnisse übertragen, etwa 150.000 Arbeitsplätze in zuliefernden Unternehmen ab. Dazu kommen Multiplikatoreffekte, die sich positiv auf die Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen auswirken.

STAHL + TECHNIK: Die politische Interessenvertretung war von Beginn an das zentrale Aufgabengebiet der AGAB. Können Sie beschreiben, in welchen Themenfeldern der Verband aktiv ist und welche Erfolge erzielt wurden? Mit welchen politischen Themen beschäftigen Sie sich aktuell?

Nowicki: Nachdem es gelungen war, die Dimensionen und die volkswirtschaftliche Bedeutung des Großanlagenbaus anhand von Kennzahlen zu belegen, fiel es relativ leicht, Gehör bei der Politik zu finden. Dabei ging es der Branche in erster Linie um die Themen Steuern und Exportkreditversicherung. Heute ist die Arbeitsgemeinschaft für alle Anliegen des Großanlagenbaus erster Ansprechpartner für die Politik: Man fragt uns – wir werden gehört. Erfolge aus der jüngeren Zeit sind etwa verbesserte Wettbewerbschancen, da die heute fast immer notwendigen höheren Auslandsanteile im Gesamtprojekt über Hermes versichert werden können.

Eine aktuelle Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zur Exportfinanzierung zeigt, dass lokale Lieferanteile zu den strategischen Komponenten des EPC-Geschäfts zählen. Der OECD-Konsensus sieht derzeit eine Grenze von 30 Prozent vom Gesamtauftragswert vor, während etwa China als nicht OECD-Mitglied eine solche Obergrenze nicht kennt und lokale Anteile vollständig mitfinanzieren kann. Die Finanzierungsexperten der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau setzen sich daher intensiv für eine Weiterentwicklung des OECD-Konsensus in Bezug auf die Deckungsfähigkeit lokaler Kosten ein. Aus Sicht des Anlagenbaus ist eine Erhöhung der Einbeziehung der lokalen Kosten in eine Finanzierung, die von einer Exportkreditversicherungs-Agentur bereitgestellt wird, auf 50 Prozent des Gesamtauftragswertes notwendig.

Großprojekte haben in vielen Kundenländern auch eine politische Komponente. Hochrangige diplomatische Unterstützung ist wichtig, um das Vertrauen in die Partner aus den Lieferländern zu stärken. Deshalb gestalten wir gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt seit 2014 im Rahmen der Botschafterkonferenz in Berlin den Austausch mit Botschaftern in der für unsere Branche wichtigen Märkten des Mittleren Ostens. Repräsentanten des Großanlagenbaus weisen auf das fordernde Umfeld deutscher EPC-Angebote in dieser Region hin und sensibilisieren die Diplomaten für die Herausforderungen im Markt.

STAHL + TECHNIK: Das Netzwerk und der Austausch zu den branchenübergreifenden Themen des Projektgeschäfts sind weitere Säulen der Verbandsarbeit. Wie stellt sich die Entwicklung hier dar?

Nowicki: Die AGAB ist heute mehr denn je eine Plattform, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, Trends frühzeitig zu erkennen, projektspezifisches Know-how aufzubauen und die Transformation der Branche zu gestalten. Dabei kümmert sich der Verband um Themen, die branchenübergreifend und spezifisch für das Großprojektgeschäft sind: Angefangen bei der Finanzierung und der Vertragsgestaltung über das Projekt-, Risiko- und Claimsmanagement bis hin zu Fragen des Engineerings, der Montage und der Baustellensicherheit.

Bereits in den 1990er-Jahren wurden die ersten Expertenkreise zu den Kernthemen Projektmanagement, Steuern, Qualitätsmanagement und Schwergutlogistik gegründet. In den 2000er-Jahren kamen weitere Gremien wie die etwa die Arbeitskreise Einkauf und Beschaffung, Engineering sowie HSE-Management hinzu. Die AGAB konnte damit ihren Anspruch, das wichtigste Branchennetzwerk für den Großanlagenbau im deutschsprachigen Raum zu sein, untermauern. Dabei hat bei allen Verbandstreffen die strikte Einhaltung der Compliance-Regeln des VDMA oberste Priorität. Damit schützen wir unsere Mitglieder und geben Raum für einen offenen, doch stets regelkonformen Dialog.

Parallel dazu wurden eigene Studien erstellt und Praxisleitfäden veröffentlicht. Ein aktuelles Beispiel ist der Leitfaden zur Erstellung eines HSE-Plans im Großanlagenbau, der den VDMA-Mitgliedern bei der Verbesserung der Arbeitssicherheit bei internationalen Montageprojekten hilft und die Rechtssicherheit der verantwortlichen Akteure stärkt.

STAHL + TECHNIK: Der Großanlagenbau arbeitet mit zahlreichen Partnern in komplexen Wertschöpfungsketten weltweit zusammen. Wie fördert der Verband den Austausch mit Kunden, Lieferanten und Dienstleistern, die nicht im VDMA organisiert sind?

Nowicki: Mit Veranstaltungen wie dem Runden Tisch Contractmanagement & Anlagenbaurecht, dem Baustellentag oder der Anlagenbautagung Engineering Summit haben wir in den frühen 2010er-Jahren neue Angebote geschaffen, die sich nicht ausschließlich an unsere Mitglieder richten, sondern bewusst auch Zulieferer, Kunden und andere Beteiligte ansprechen. Damit bilden wir die gesamte Wertschöpfungskette im Anlagenbau ab und fördern Erfahrungsaustausch und Kooperationen über Branchengrenzen hinweg. In diese Richtung wollen wir uns weiterentwickeln und dabei die Internationalisierung unserer Netzwerke vorantreiben.

STAHL + TECHNIK: Wie stellt sich die Arbeitsgemeinschaft beim immer wichtiger werdenden Thema Nachwuchsgewinnung und -förderung auf?

Nowicki: Die AGAB hat die Bedeutung dieses Themas schon frühzeitig erkannt und ihren Mitgliedern bereits in den 1990er-Jahren entsprechende Angebote unterbreitet. Exemplarisch möchte ich auf zwei Beispiele näher eingehen. Der Workshop für Führungsnachwuchskräfte wurde 1993 durch den damaligen AGAB-Vorstand initiiert und findet seitdem jährlich statt. Die Nominierung der Potentialträger für diesen Workshop durch die Geschäftsführer der Mitgliedsunternehmen drückt den hohen Stellenwert der Veranstaltung aus. Ein Hauptziel ist die Entwicklung eines gemeinsamen Branchengefühls, das sich insbesondere durch intensive Kleingruppenarbeit zu übergreifenden Herausforderungen des Projektgeschäfts einstellt.

Im dem gleichen Jahr wurde die Erik Menges Stiftung auf gemeinsame Initiative von Erik Menges und dem AGAB-Vorstand ins Leben gerufen. Die Einrichtung bezweckt die Förderung junger Nachwuchskräfte auf dem Gebiet des Großanlagenbaus. Neben der direkten finanziellen Unterstützung und der Förderung von Studien- und Ingenieurarbeiten wird der Stiftungszweck auch durch die Organisation von Seminaren zum Thema Vertragsgestaltung im Industrieanlagenbau erfüllt. Dank der Initiative von Erik Menges finden diese Seminare noch heute regelmäßig an verschiedenen Hochschulstandorten im gesamten Bundesgebiet statt.

STAHL + TECHNIK: Herr Nowicki, Sie wurden 2012 in den Vorstand der Arbeitsgemeinschaft gewählt und sind seit 2016 ihr Sprecher. Welche Themenschwerpunkte haben Sie seitdem gesetzt?

Nowicki: Von Anfang an konnte ich auf die Arbeit meiner Vorgänger und den guten Zusammenhalt im Vorstand aufbauen. Neben der ständigen Vertretung der politischen Anliegen des Großanlagenbaus spielte auch die inhaltliche Arbeit an unternehmerischen Themen eine wichtige Rolle.

Hierbei ging es neben der Modularisierung und Fragen der Nachhaltigkeit vor allem um die Digitalisierung im Großanlagenbau. Wir haben das Thema 2015 und 2017 in zwei Studien aufgegriffen und damit eine erste Bestandsaufnahme innerhalb des Mitgliederkreises vorgelegt. 2019 gingen wir mit der Benchmarking-Studie „Digital business models in plant engineering in an international comparison“ einen Schritt weiter und haben den Stand und die Perspektiven der Digitalisierung im internationalen Großanlagenbau analysiert. Es wurde deutlich, dass bis 2025 mit grundlegenden Marktverschiebungen zu rechnen ist. Digitale, datengetriebene Dienste und Serviceleistungen rücken in den Fokus vieler Kunden und erfordern völlig neue Denkweisen und Fähigkeiten vom Anlagenbau.

Ein weiterer Aspekt meiner Arbeit war die Weiterentwicklung des Engineering Summit. Gemeinsam mit den Kollegen aus dem Vorstand ist es uns gelungen, die Tagung als wesentliche europäische Networking-Plattform für Führungskräfte aus dem Industrieanlagenbau zu etablieren. Ich freue mich schon auf den 7. Engineering Summit, der am 23. und 24. Juni 2020 in Wiesbaden stattfinden wird. Der Kongressbeirat erarbeitet derzeit die Eckpunkte für die Agenda und spricht potenzielle Referenten an. Darüber hinaus vervollständigten wir 2018 mit dem Arbeitskreis Baustellenmanagement unser Arbeitskreis-Portfolio und bilden seitdem die komplette EPC-Kette auf Expertenebene ab.

In der politischen Arbeit sehe ich weiterhin faire internationale Rahmenbedingungen im Wettbewerb als wichtigstes Ziel. Die Verbesserung der Einbeziehung von Auslandsanteilen und lokaler Leistung in Großprojekte sind wichtige Etappenziele, die Reform des OECD-Konsensus der nächste große Schritt.

STAHL + TECHNIK: Im Lagebericht sprechen Sie davon, dass der Großanlagenbau sich in einem volatilen und herausfordernden Umfeld behaupten muss. Wo sehen Sie die Branche im Jahr 2030 und wie kann die AGAB ihre Mitglieder auch in Zukunft effektiv unterstützen?

Nowicki: Ich bin davon überzeugt, dass der VDMA-Großanlagenbau auch 2030 eine wichtige Rolle auf dem Weltmarkt spielen wird. Das technologische Wissen der Unternehmen, ihre breite Methodenkompetenz im Prozess- und Projektmanagement, die hochqualifizierten und motivierten Mitarbeiter und die internationale Ausrichtung der Branche bilden ein solides Fundament für die Zukunft.

Allerdings werden Wettbewerbsdruck, Veränderungstempo und Volatilität weiter zunehmen. Die Fähigkeit, agil auf sich rasch ändernde Rahmenbedingungen zu reagieren, ist daher eine Grundvoraussetzung, um am Markt zu bestehen. Die Digitalisierung kann den Unternehmen helfen, sich an neue Gegebenheiten anzupassen und flexibel zu agieren. Auch die Zusammenarbeit in Netzwerken mit unseren Kunden, Zulieferern und Dienstleistern wird in den kommenden Jahren wichtiger werden.

Für einen netzwerkorientierten Verband wie den VDMA ist das eine Steilvorlage. Die AGAB bietet schon heute Formate wie den Engineering Summit und den Baustellentag an, die einen Dialog mit Partnern aus der Wertschöpfungskette des Großanlagenbaus ermöglichen. Geplant ist der weitere Ausbau dieser Angebote. Ein aktuelles Beispiel hierfür ist das Treffen mit Start-ups, das wir im Mai 2019 anlässlich der Veröffentlichung unserer Digitalisierungsstudie mit jungen Unternehmen aus der IT-Branche organisiert haben. Ferner eröffnen unsere Expertenkreise den Mitgliedern vielfältige Chancen, sich über neue Methoden und Ansätze im Projektgeschäft zu informieren und weiterzubilden. Ich denke etwa an Themen wie das agile Projektmanagement und an verhaltensorientierte Coachingansätze im Arbeitsschutz.

Die Perspektiven für unsere Branche sind nach wie vor vielversprechend. Um die Zukunft der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau mache ich mir daher keine Sorgen. Vielmehr setze ich darauf, dass wir beim 60-jährige Bestehen der AGAB im Jahr 2029 auf ein weiteres Jahrzehnt erfolgreicher Lobby- und Netzwerkarbeit zurückblicken können.