Verfahrenstechnische Chemieanlagen

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Der VDMA-Chemieanlagenbau verfügt dank seiner ausgeprägten Technologie- und Serviceorientierung und einer hohen Abwicklungskompetenz über eine starke Marktposition.

2019 war von einer Beruhigung der Volatilität des Ölpreises (Sorte Brent) geprägt. Von einem Niveau von etwa 60 US-Doller ausgehend, stiegen die Notierungen bis Dezember 2019 auf zeitweise knapp 70 US-Dollar an (bei einem Durchschnittspreis von 64,3 US-Dollar pro Barrel), um Anfang 2020 wieder deutlich nachzugeben.

Die Sorgen vor einer globalen Rezession in Folge eskalierender Handelskonflikte zwischen den USA und anderen Ländern haben sich nach der Teileinigung zwischen den USA und China zwar abgeschwächt. Dennoch bleibt der Ausblick auf die weitere Entwicklung des Ölpreises mit Unsicherheiten behaftet.

Belastend wirken u.a. die schwelenden Krisen in Nordafrika und im Mittleren Osten sowie die mittlerweile weltweit spürbaren wirtschaftliche Folgen der Coronavirus-Epidemie. Vor allem die sinkende Ölnachfrage aus dem wichtigen Abnehmerland China könnte das Überangebot auf dem globalen Ölmarkt weiter erhöhen und die Preise auf Talfahrt schicken. So kostete ein Barrel der Sorte Brent Mitte März 2020 52 US-Dollar bereits 25 % weniger als noch zu Jahresanfang.

Am Gasmarkt gab der Preis am Henry Hub in den USA nach dem üblichen Hoch am Jahresende im Verlauf des Jahres 2019 wieder nach und lag im Durchschnitt auf einem niedrigen Niveau als 2018.

Die russische Wirtschaftsleistung stieg 2019 nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) um 1,1 %. 2020 und 2021 wird mit einer weiteren Erholung des Bruttoinlandsprodukts um jeweils rund 2 % gerechnet. Das ursprünglich erwartete Wachstum ist damit nicht in vollem Umfang eingetreten. Gründe waren neben geopolitischen Spannungen vor allem das verschärfte Sanktionsregime der USA und der EU gegenüber Russland.

Die Chemieproduktion Russlands soll nach Vorstellungen der Regierung bis Ende 2020 im Vergleich zum Jahr 2017 um 20 % ausgeweitet werden. Hierfür sind zahlreiche Großprojekte mit einem Investitionsvolumen von insgesamt rund 80 Mrd. € in Planung bzw. in der Abwicklung. Diese Vorhaben sollen dazu beitragen, alte Anlagen zu ersetzen, die lokale Produktionsbasis zu stärken und den Export von Chemieprodukten nach Europa und Asien zu steigern. Das in großen Mengen verfügbare und günstige Erdgas erweist sich dabei als Motor vieler Industrieprojekte in Russland.

Für Anlagenbauer bietet der russische Markt derzeit viele Chancen aber auch Herausforderungen, denn die Baustellen liegen oftmals in abgelegenen Regionen mit Klimaextremen. 2019 gab es weniger Großprojekte als in den Vorjahren, so dass die Auftragseingänge um nahezu zwei Drittel von 1,8 Mrd. € auf 646 Mio. € zurückgingen. Damit war Russland im vergangenen Jahr – hinter Singapur – dennoch der zweitwichtigste Markt für den Chemieanlagenbau.

Die chinesische Chemieindustrie bleibt auf Wachstumskurs, auch wenn sich die Dynamik der vergangenen Jahre abgeschwächt hat. Die konsequente Einhaltung ambitionierter Umweltgesetze ist mittlerweile fester Bestandteil vieler Auftragsvergaben an den Großanlagenbau in China. Hieraus ergeben sich vielfältige Chancen für die Mitgliedsunternehmen der AGAB. Allerdings ist der Marktzugang für ausländische Unternehmen ohne lokale Partner nach wie vor schwierig.

Ein weiterer Trend ist die internationale Expansion chinesischer Anlagenbauer, insbesondere im Rahmen der Initiative „Neue Seidenstraße“. Die für dieses gigantische Infrastrukturprojekt bereit gestellten finanziellen Mittel sorgen für ein zunehmendes Engagement chinesischer Unternehmen, vor allem in Zentralasien und in Afrika. Europäischen Anlagenbauern eröffnen sich dadurch interessante Marktchancen, etwa im Zuge von Technologiekooperationen, durch die eine Mitwirkung an sonst nicht oder nur schwer zugänglichen Projekten möglich wird.

Die Schiefergas und -ölförderung ist in den USA weiterhin ein wichtiger Faktor für den Chemieanlagenbau. Die Branche profitiert über die gesamte Wertschöpfungskette – von der Gasförderung und -verteilung bis hin zur Gasverarbeitung in petrochemischen Großanlagen – von den günstigen Preisen und der hohen Verfügbarkeit dieser Rohstoffe. Dabei setzte sich bei vielen Neubauprojekten der Trend fort, Rohöl durch Erdgas zu substituieren, sowie Produkte auch für den Export herzustellen.

Durch die Produktion und den Export von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) nehmen die USA wesentlichen Einfluss auf die Preise am LNG-Weltmarkt. Um LNG aus den USA direkt importieren zu können, sollen in Deutschland ein oder sogar mehrere LNG-Importterminals gebaut werden. Die Planungen für diese Anlagen kommen gut voran, wobei derzeit noch drei Standorte im Rennen sind. Bis zu einer endgültigen Investitionsentscheidung dürfte aber noch Zeit vergehen. Eine weitere Folge der Schiefergasförderung ist die Kuppelproduktion von Gaskondensaten (Natural Gas Liquids, NGL). Hierdurch wird der Bau weiterer Anlagen, etwa zur Herstellung von Kunststoff, wirtschaftlich attraktiv.

Für die im VDMA organisierten Chemieanlagenbauer bleiben die USA ein wichtiger Markt für die Errichtung von Anlagen für die Öl- und Gasverarbeitung sowie für die chemische Industrie. Die Auftragseingänge, die 2019 auf 110 Mio. € (2018: 163 Mio. €) zurückgingen, könnten mittelfristig wieder steigen.

Viele Länder des Mittleren Ostens setzen die Diversifizierung ihrer Volkswirtschaften fort, um sich aus der Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu lösen. Sie entwickeln nationale Strategien zur Stärkung der lokalen Wertschöpfung und zur Schaffung neuer Arbeitsplätze. Oftmals legen die Länder ihre Investitionsschwerpunkte auf die petrochemische Industrie und die Düngemittelherstellung. Sie nutzen hierfür ihren Rohstoffreichtum und profitieren von einer günstigen Kostensituation.

Vorgaben zur Stärkung der lokalen Wertschöpfung sowie zur Ausbildung inländischer Fachkräfte werden im Mittleren Osten immer häufiger Teil der Ausschreibungen. Der Chemieanlagenbau muss sich auf diese Forderungen einstellen und versuchen, daraus Wettbewerbsvorteile abzuleiten. Dies kann etwa durch die Schulung von Personal für den Anlagenbetrieb oder durch besondere Leistungen im Umwelt- und Klimaschutz gelingen. 

Der VDMA-Chemieanlagenbau kann sich auf Grundlage seiner Technologie- und Abwicklungskompetenz in diesem anspruchsvollen Umfeld grundsätzlich gut behaupten. 2019 war allerdings ein schwieriges Jahr für die Branche. Die Auftragseingänge sackten auf ein historisch niedriges Niveau von 42 Mio. € (2018: 245 Mio. €) ab.

Die schwelenden Handelskonflikte, die komplizierten Brexit-Verhandlungen sowie eine ungünstige Kostenstruktur dämpfen die Investitionsbereitschaft der chemischen Industrie in den EU-Staaten. Dies gilt insbesondere für die Hersteller von anorganischen Chemikalien und petrochemischen Produkten.

Nach wie vor gibt es in Europa nur sehr vereinzelt große Neubauprojekte. Das Marktgeschehen wird von kleineren und mittleren Projekten zur Modernisierung und Erweiterung einzelner Anlagen, die zumeist an den Verbundstandorten großer Chemiekonzerne stattfinden, bestimmt. Die Unternehmen wollen mit diesen Maßnahmen die lokale Nachfrage nach Chemikalien bedienen, gleichzeitig aber auch die globale Wettbewerbsfähigkeit ihrer Industrie stärken.

Die Perspektiven im Chemieanlagenbau sind vielversprechend, sie werden derzeit jedoch durch zahlreiche Unsicherheiten im Markt gedämpft. Für 2020 rechnen Branchenbeobachter daher mit Auftragseingängen und Umsätzen, die in etwa auf dem Niveau des Jahres 2019 liegen könnten. Neben Großprojekten und Modernisierungen fragen die internationalen Kunden in zunehmendem Maße auch Serviceaufträge nach, die den kompletten Lebenszyklus einer Anlage umfassen.

In diesem Zusammenhang werden digitale Angebote zu einem wichtigen Hebel bei der Verbesserung der Wettbewerbsposition des VDMA-Chemieanlagenbaus. Die Branche verfügt dank ihrer ausgeprägten Technologie- und Serviceorientierung und einer hohen Abwicklungskompetenz über eine starke Marktposition, die es weiterhin gegen den internationalen Wettbewerb zu verteidigen und auszubauen gilt.