Großanlagenbau aktuell: Die wichtigsten Fakten im Überblick

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Das Marktumfeld im Großanlagenbau ist derzeit von vielfältigen Unsicherheiten sowie einer nachlassenden weltwirtschaftlichen Dynamik geprägt.

Geschäftsentwicklung

  • Die von den Mitgliedern der VDMA Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) 2019 in Deutschland verbuchten Auftragseingänge lagen mit 18,3 Mrd. € stabil auf Vorjahresniveau.
  • Die inländischen Bestellungen sind 2019 um 2 % auf 3,6 Mrd. € (2018: 3,5 Mrd. €) gestiegen. Positiv war die Entwicklung im Markt für Kraftwerke, wo die Auftragseingänge um 83 % auf 1,0 Mrd. € (2018: 547 Mio. €) zulegten und damit erstmals seit 2014 wieder über der Milliarden-Euro-Marke notierten.
  • Über vier Fünftel der Gesamtbestellungen kamen 2019 aus dem Ausland. Das Auftragsniveau ging leicht von 14,8 Mrd. € (2018) auf 14,7 Mrd. € (2019) zurück.
  • Die USA waren der größte Auslandsmarkt, die Bestellungen summierten sich auf 1,5 Mrd. €. Ferner wurden Buchungen im Wert von mindestens einer Milliarde Euro aus Russland, China und Singapur gemeldet. Die Zahl der Projekte in der Größenordnung von 125 bis 500 Mio. €, die für die Auslastung der Unternehmen besonders wichtig ist, stieg mit 16 Vorhaben auf den höchsten Wert seit 2014.

Allgemeines Marktumfeld

  • Das Marktumfeld im Großanlagenbau war 2019 von hoher Volatilität und vielfältigen Unsicherheiten sowie erstmalig seit der Wirtschaftskrise 2009 auch von einer nachlassenden weltwirtschaftlichen Dynamik geprägt.
  • Als wichtigster Wettbewerber im internationalen Markt gilt mittlerweile China. 70 % der VDMA-Großanlagenbauer zählen chinesische Unternehmen zu ihren Hauptkonkurrenten, gefolgt von Anbietern aus Europa, den USA und Japan
  • Der Großanlagenbau liefert auch Anlagen zur Erzeugung von Wasserstoff, der in der Energiewirtschaft der Zukunft als Stromspeicher und Energieträger eine wichtige Rolle spielen könnte. Um ein solches nachhaltiges System zu etablieren, muss die Politik jedoch verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, auf Basis derer die Unternehmen wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln können.

Trends im Großanlagenbau

  • Um in diesem herausfordernden Marktumfeld zu bestehen, setzt der Großanlagenbau auf ein breites Bündel von technischen und planerischen Maßnahmen. Konkret arbeiten die Unternehmen an der Stärkung ihrer Kompetenzen im Risikomanagement, im Supply Chain Management sowie in der Finanzierung von Projekten. Die Erschließung neuer Geschäftsfelder und Märkte wird ebenfalls mit Nachdruck forciert. Überdies nutzt die Branche vermehrt agile Methoden im Projekt- und Prozessmanagement.
  • Der Einsatz von digitalen Technologien ist für den Großanlagenbau ein weiterer wichtiger Hebel zur Steigerung der Prozesseffizienz sowie zur Erhöhung des Kundennutzens. Insbesondere im Engineering, auf der Baustelle und bei den produktbegleitenden Dienstleistungen ergeben sich große Potenziale.

Politische Positionen

  • In den letzten Jahren hat sich ein fataler Konditionenwettlauf durch Instrumente ausgebreitet, die nicht dem OECD-Konsensus unterliegen. Von einem „Level Playing Field“ kann deshalb vor allem im Großanlagenbau, der aufgrund der Besonderheiten seines Projektgeschäfts auf weltweit vergleichbare Rahmenbedingungen bei der staatlichen Exportförderung angewiesen ist, keine Rede mehr sein. Der VDMA-Großanlagenbau fordert die EU-Kommission auf, mit einer starken gemeinsamen Position der europäischen OECD-Mitglieder für einen praxistauglichen neuen Konsensus zu werben und steht bereit, seine praktische Expertise in den Reformprozess einzubringen. Dringend ist insbesondere die Erhöhung des derzeitigen deckungsfähigen Anteils an lokalen Kosten auf 50 % des Gesamtumfangs eines Exportauftrags.
  • Das Risiko der Mehrfachbesteuerung steigt signifikant. Leider hat Deutschland zu wenige Doppelbesteuerungsabkommen. Selbst wenn solche bestehen, kommt es, etwa durch die Erhebung von Quellensteuern auf die Einkünfte aus der Erbringung von technischen Dienstleistungen, zu oft zu einer Übermaßbesteuerung. Der VDMA-Großanlagenbau fordert, neue Doppelbesteuerungsabkommen zügig zu verhandeln und praxisgerecht abzuschließen, um das Risiko der doppelten Besteuerung weltweit spürbar zu senken.
  • Die Diskussion um eine neue Digitalsteuer ist komplex. Die Politik muss im Auge behalten, dass eine faire Besteuerung dasselbe Einkommen nur einmal besteuern darf. Das muss rechtssicher geregelt werden, um einen weiteren Anstieg von Doppelbesteuerungen zu vermeiden. Ferner sollte in der deutschen Umsetzung der europäischen „Anti Tax Avoidance Directive“ die Niedrigbesteuerungsgrenze von 25 % auf 15 % für die Hinzurechnungsbesteuerung nach dem Außensteuergesetz abgesenkt werden.

Ausblick 2020

  • Die grassierende Corona-Pandemie und der kollabierende Ölpreis führen derzeit zu extremen Unsicherheit auf den Märkten des Großanlagenbaus. Die kurz- bis mittelfristigen Aussichten für den Industriezweig lassen sich daher nicht seriös prognostizieren.
  • Die Branche betrachtet konstante oder sogar leicht rückläufige Orders unter diesen Rahmenbedingungen bereits als Erfolg. Selbst ein Einbruch der Bestellungen wie während der Finanzkrise 2009 kann nicht ausgeschlossen werden.
  • Grundsätzlich bleibt der Großanlagenbau aber zuversichtlich. Schließlich setzen sich Megatrends wie etwa das globale Bevölkerungswachstum, der steigende Energiebedarf und die Urbanisierung weiter fort. Ferner sind Lösungen für mehr Nachhaltigkeit, innovative Servicekonzepte sowie umfassende Schulungsangebote Kernbestandteil der Leistungen des VDMA-Großanlagenbaus